13. Juni 2024

Wie ein Zug ohne Schiene…

 

Wagen wir ein Gedankenexperiment und stellen uns vor, die Bahn lässt eine Magnetschwebebahn entwickeln und möchte damit den Bahnverkehr revolutionieren. Die Politik ist selbstverständlich total begeistert von der Idee und finanziert bereitwillig die Entwicklung. Das Projekt läuft hervorragend und die Indienststellung steht bevor.

Am Tag der Einweihung versammeln sich Größen aus Politik und Wirtschaft und feiern sich für diesen Erfolg deutscher Ingenieurskunst. Unter großem Jubel steigen alle ein und erwarten die erste Testfahrt. Doch es bewegt sich nichts. Kein Vor und Zurück, obwohl die Magnetschwebebahn doch eigentlich technisch einwandfrei ist.

Wo liegt der Fehler? Beim Blick nach vorne wird es auf einmal allen klar: Es wurde vergessen, die Schiene mit zu entwickeln und auszubauen. Während es im Schienenverkehr offensichtlich sein mag, dass die Infrastruktur Teil des Verkehrssystems ist, fehlt in der (dezentralen) Luftfahrt leider oft diese Denkweise.

Es wird viel Geld in die Entwicklung und Erforschung neuer Fluggeräte wie eVTOLs oder Elektroflugzeuge investiert, doch dass Flugplätze diese in Zukunft auch abfertigen müssen, wird oft vergessen.

In Gesprächen mit Herstellern stellen wir gerne die Frage: Was braucht ihr an Infrastruktur von uns? Selten sind dabei konkrete Zahlen zu hören; von Betriebsgeheimnissen bis hin zu sehr vagen Schätzungen ist alles dabei. Vereinzelt gibt es auch Ausnahmen. Wenn wir jedoch die Anforderungen hören, ist die Überraschung noch größer.

Um die Fluggeräte abzufertigen, ist ein massiver Ausbau der Infrastruktur notwendig. Betrachten wir beispielsweise die Ladeinfrastruktur: Mit den aktuell verfügbaren Anschlussleistungen können die meisten Flugplätze Ladesäulen für ein paar Elektroautos zur Verfügung stellen, Größenordnung ca. 300 kW pro Säule. Bei elektrischem Fluggerät reden wir jedoch schon von Ladeinfrastruktur im Megawattbereich. Diese Kapazität können die Flugplätze aktuell nicht liefern, zumal sich bis jetzt die Gesamtleistung eines Flugplatzes im Kilowatt-Bereich befand. Derzeitige Ausbaukapazität: Fehlanzeige. Es freut uns zwar zu hören, dass ein Bedarf von mehreren an jedem Flugplatz stationierten Elektroflugzeugen prognostiziert wird, leider müssen wir aktuell sagen, dass wir nicht bereit dafür sind.

Auf Nachfrage bei den Energieversorgern kommt meistens eine ernüchternde Antwort: Ja, ein paar kW sind noch möglich, aber Laden im MW-Bereich? Keine Chance bei Ihrem Anschluss. Sie können gerne einen Ausbau beantragen, aber bis der Anschluss da ist, werden noch ein paar Jahre vergehen.

Da Flugplätze zusätzlich oft außerhalb der Städte liegen, werden sie im Netzausbauplan wenig priorisiert. Umso schwerer ist es, die geforderten Anschlussleistungen zu bekommen. Ähnlich ist es mit Wasserstoff und SAF. Die Projekte kleinerer Flugplätze werden nicht berücksichtigt und teilweise ganz gestoppt. Fördergelder für die Entwicklung einer dezentralen Infrastruktur? Fehlanzeige. Doch wenn wir bereit sein sollen, den Verkehr von morgen bedarfsgerecht abzufertigen, müssen wir heute in die entsprechende Infrastruktur investieren.

Die dezentralen Flugplätze können als Reallabor dienen, um die Infrastruktur zu entwickeln und zu testen. Dabei geht es nicht um den Erhalt des Status quo, sondern auch um das zukünftige Potenzial, das mit entsprechendem Ausbau aus der bestehenden Infrastruktur gemacht werden kann.

Für eVTOL-Projekte werden Milliarden Euro investiert. Eine unvorstellbar große Summe. Und noch sind die Fluggeräte nicht im Einsatz. Mit nur einem Bruchteil der Summe könnte man die dezentralen Flughäfen zu Energy Hubs umbauen und die Infrastruktur zukunftsfähig machen. Von Ladesäulen über PV bis hin zur dezentralen H2-Produktion ist alles denkbar. Doch nach aktuellem Stand sieht es eher danach aus, dass die neuen Fluggeräte zu einem Static Display werden.



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